Mittwoch, 26. März 2008

Stehen geblieben

Nein, nicht die Uhr. Und die Zeit schon mal gar nicht. Aber ich. Nicht lange. Nur einen Augenblick. Nicht läger als ein Wimpernschlag. Dann einen vor den anderen gesetzt. Fuß, Gedanken, auch ein Hülsenwort. Eins davor - eins danach. Durchgeatmet, und wieder stehen geblieben. Es gibt nichts zu meckern. Schrumpelfische kauen in der Nacht. Tagsüber dehnt sich Minute um Minute. Endloses dahinschweifen. Scheinbare Nutzlosigkeiten formen sich zu offensichtlichen Endlosschleifen. Die von ihnen umbundenen Pakete stabeln sich ungeöffnet in der Ecke meines Lebens. Ich zünde mir eine Zigarette an und gehe auf sie zu. Vor ihnen stehend puste ich Rauch in Luft und überlege. Oder simuliere zumindest etwas, was wie Überlegen in der weiten barocken Leere meines Kopfinnenraums schallt. Dann nehme ich mir ein gelbes. Eine Schachtel mittlerer Größe und löse die Schleife.

Ich weiß nicht ob es Illusionen oder Realitäten sind die sich mir offenbaren. Nichts davon kann ich nach Kriterien des guten oder schlechten Geschmacks beurteilen. Die Gleichzeitigkeit von Wahllosigkeit und Vorherbestimmtheit, das gemeinsame Auftreten von Frauen die ihre Körper und ihr Bett mit mir teilen und Formalismen, die sich, während es mir gut geht, irgendwo irgendwas überlegen, um alles in Schrecken und Tyranei enden zu lassen - das überwältigt mich. Irgendwie. Auf so eine sanfte Art. So wie ein Parasit, der sich in mir einnistet und langsam, aber immer forstschreitend, etwas von meinen Energieströmen abzapft um zu wachsen, während ich beginne zu verblassen.

Eine Wasserpistole Bauart Super Soaker! Ein Blowjob! Eine Raumkapsel! Eine Eistorte! Mannomann, wer schickt mir denn sowas? Eine Hängematte! Ein Jazzpianist und sein Kollege mit der Trompete! Sommersonne! Eine Ohrfeige! Ein Studium! Ein ganz großer Ärger! Augenlicht! Ein Bibliotheksausweis! Und so weiter und so fort. Irgendwann liegt das ganze Zeug verstreut auf dem Boden. Bis auf die Hähnchenkeule. Die halt ich in der Hand und reiß mit den Zähnen ein Stück ab. Die Schachtel stell ich ab.

So von oben betrachtet entwickelt sie eine ansehnliche Tiefenstruktur. Ich stelle den linken Fuß rein. Und den rechten. Ich gehe in die Hocke. Erstaunlich, der Schachtelrand reicht mir bis zur Nase. Ich ducke mich noch ein Stück und falte das Dach über mir zusammen. Es ist stockduster. Und ganz ruhig. Man hört nur das Rascheln der Endlosschleife, die sich um die Schachtel herum wickelt. Ich bin so müde.

Wochen oder Monate später. Jemand reißt hektisch die Schleife auf, faltet das Schachteldach auseinander. Zwei wimperngetuschte, lidschattenbemalte Augen schauen mich an. Ach du Schreck! Ich springe aus dem Paket!

"Ein Springteufel! Ein Schlingel! Ein Mann!" bilden sich nur ein wenig helle Laute aus einem lippenbestifteten Mund. Wo bin ich? Warum trage ich ein rotes Frack? Warum steht hier eine Streckbank? Und eine Guillotine? "Ein Fleischfresser! Ein Supeheld! Ein Blödel! Ein Hungerhaken!" Sicher, ich habe abgenommen, aber mir das so unter die Nase zu reiben. Schon irgendwie frech. Und diese rosa Pumps. Das ist doch pervers. Und trotzdem schrei ich auch nicht gleich zur Begrüßung: "Eine Gans! Eine Frau! Pervers! Rosa Pumps!" Vielleicht aber auch nur, weil mein Mund voller Rum ist. Und egal wieviel ich davon runterschlucke, er füllt sich immer wieder auf`s neue. Ich fühle mich schon voller dämmriger guter Laune. Während sie auf mich zukommt ruft sie: "Ein Phantom! Ein schräger Kerl! Ein Geschenk!" Dann nimmt sie meinen Kopf in ihre Hände und presst ihn an ihr Dekolleté.

Mein Mund ist leich geöffnet. Ein kleines Bächlein aus Rum versickert zwischen ihren Brüsten. Ich höre ihr Herz schlagen. Sanft, aber beständig: tick-tack-tick-tack-tick-tack.....


"Diese Reserviertheit mit dem Oberton versteckter Aversion erscheint aber nun wieder als Form oder Gewand eines viel allgemeineren Geisteswesens der Großstadt. Sie gewährt nämlich dem Indiduum eine Art und ein Maß persönlicher Freiheit, zu denen es in anderen Verhältnissen gar keine Analogie gibt [...]"

Georg Simmel, Die Grossstädte und das Geistesleben

6 Ergüsse:

Frau H. hat gesagt…

Mein lieber Herr Subre! Was ein Text! (Und das Zitat finde ich ja auch ganz...ach!) Sie sollte öfter in Kisten verschwinden...

DanielSubreal hat gesagt…

Oh ja! Das ist so toll, dass ich jetzt in einer wohne. Gleich vorne, am ersten Brückenpfeiler. Paraquay-Bananen-Kiste. 1A-Qualität für einen dressierten Affen wie mich....

Frau H. hat gesagt…

Scheiß Bananen. Hier: Nehmen Sie lieber einen Apfel....das ist auch viel zeitgerechter.

DanielSubreal hat gesagt…

Sind Sie jetzt Eva oder die Hexe?

Frau H. hat gesagt…

Eva die Hexe, hehe... Nein. Eigentlich bin ich Hänsel, viel zu... und ungenießbar. Aber sagen Sie das mal dieser Eitihtaiwohlstandsmedienkünstlerblase in der ich mich bewege...nix als Ignoranz!

DanielSubreal hat gesagt…

Ignorazia, oh tanz mit mir! so heißt es doch, oder nicht???

ungenießbar gibt es nicht! Mit ein bißchen Maggie...ich selbst würze mich mit Basalikum und Koreander, das bringt alle durcheinander... hohoho..